Brauchtum zu Ehren der Wittelsbacher als Ausgangspunkt ganz neuer Herrscherverehrung?
Das Freyschießen auf Oberwittelsbach (25.8.1812), kolorierte Lithographie um 1812; Quelle: Privatbesitz, ; Zum Vergrößern klicken
Das Festschießen in Oberwittelsbach im Jahr 1812 war ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis, das zu Ehren der Geburt des Sohnes des bayerischen Kronprinzen Ludwig veranstaltet wurde. Erstmalig fand es auf Betreiben der Familie Gerhauser auch Aichach 1810 auf dem Gelände in Oberwittelsbach statt. Es verband patriotische Gefühle, religiöse Zeremonien und gemeinschaftliche Feierlichkeiten. Einer der Mittelpunkte des Festes war eine feierliche Prozession, bei der eine Fahne mit bayerischem Löwen nach Oberwittelsbach gebracht wurde, dem historischen Stammsitz des Hauses Wittelsbach.
Musik, Glockengeläut und Kanonenschüsse begleiteten die Zeremonie und verliehen ihr eine besonders feierliche Atmosphäre. Viele Bürger aus Aichach und den umliegenden Orten nahmen an den Feierlichkeiten teil. Das zeigt, wie wichtig solche Feste für das Gemeinschaftsgefühl der Menschen waren. Neben Beamten, Offizieren und anderen wichtigen Persönlichkeiten kamen auch zahlreiche Zuschauer. Für sie wurden Stände und Hütten aufgebaut, sodass das Fest nicht nur ein offizieller Anlass, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis war.
Vor dem Festschießen wurde ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, bei dem für das Wohl des Kronprinzen Ludwig und seines neugeborenen Sohnes Max Joseph gebetet wurde. Dies hob das Fest in religiöse wie auch patriotische Sphären.
Der unterhaltsamste und massenwirksamste Teil der Feier war aber das nachfolgende Festschießen. Über hundert Schützen nahmen daran teil.
Der Kronprinz, der zum Festschießen 1812 vom Bürgermeister Lorenz Gerhauser eingeladen worden war, kam zwar nicht selbst, ließ aber mit dem königlichen Oberbereiter aus dem Münchener Marstall, einem gewissen Herrn Bauer, sowie mit dem königlichen Revierförster zu Thierhaupten, Anton von Schilcher, zwei Stellvertreter für sich und den neugeborenen Kronprinzen schicken. Das Schießen dauerte bis in den Abend und wurde von Musik und Jubel begleitet.
Am Ende der Feierlichkeiten wurden die Preise an die Sieger verteilt, die interessanterweise nicht aus den Reihen der königlichen Vertreter kamen. Die Fahne wurde wurde in der Kirche aufbewahrt. Sie sollte die Menschen auch in Zukunft an Mut, Treue und die Verbundenheit mit dem bayerischen Königshaus erinnern.
Das Dankschreiben Kronprinz Ludwigs an die Aichacher Bürger (1812)
Anlässlich der oben angeführten Feier zu Ehren Ludwigs und Max Josephs lud der Aichacher Bürgermeister und Wittelsbacherverehrer Lorenz Alois Gerhauser Kronprinzen zur Teilnahme am Fest nach Oberwittelsbach ein. Der König antwortete mit einem Dankesbrief vom 20. Juli 1812 auf die ausgesprochene Einladung. Wie dem Brief zu entnehmen ist, werde er einen Schützen schicken, da er selbst persönlich nicht zugegen sein könne:
Schreiben Kronprinz Ludwigs an die Bürgerschaft von Aichach, StadtA Aichach XXI-01/Fasz. II, Blatt 18.
Alles Neu?
Neu ist auf alle Fälle das Selbstbewusstsein der Aichacher, den künftigen König zu einem Volksfest einzuladen, das zu seinen Ehren abgehalten wurde.
Dennoch blieb „alles beim Alten“: Ludwig blieb der Veranstaltung und dem Ort fern und mied ihn sogar, wie die Wittelsbacher die Jahrhunderte zuvor es auch getan hatten. Erst 1838 reiste er zweimal durch Aichach und – wie der Stadtpfarrer und Lokalchronist Konrad Danhauser bestätigt – trank beim zweiten Aufenthalt sogar eine halbe Maß Bier auf die Aichacher. Noch später erinnerte sich der Monarch an seine treuen Aichacher, die er als „brave, treue Untertanen“ pries. Sein Versprechen, „nächstens wieder hier durchzureisen“, machte er aber nie mehr wahr. Auch Oberwittelsbach besuchte er nie. Das taten erst sein Sohn Max. II. und später Ludwig III. (1914).